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12/04 - 06/05 |
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Bereits in unseren ersten Schiffseigner-Tagen wurde überdeutlich, dass wir dem Werkzeugkoffer einen zentralen Platz im Schiff einrichten würden. So starteten wir direkt in das Reparaturabenteuer ,Segelschiff' mit unserer allerersten Fahrt Rhein abwärts, als beim Ablegemanöver die hydraulische Steuerung brach und sich alles Hydrauliköl in die Tiefen der Backskiste ergoss. Im Hafenbecken manövrierunfähig geworden, rettete nur ein kleines Notmanöver die Marie zurück an den Steg und ihre Besatzung vor dem ersten Gang zur Versicherung. Wir montierten die Pinne und fassten an dieser Stelle den Entschluss, das ohnehin platzfressende hydraulische Ruder nebst der zentralen Traveller-Schiene, die quer durch das Cockpit lief, ganz aus jenem zu verbannen und die Pinnensteuerung als Dauerlösung zu installieren. Hier standen wir noch am Anfang einer Reparaturliste, die immer länger zu werden schien, je mehr wir sie abarbeiteten. In
der Germersheimer Bootswerft konnten wir unser Schiff aus dem Wasser
heben lassen und sogleich poppte die zweite Überraschung aus
der Reparaturkiste: Nachdem das Antifouling mit Hochdruck vom Rumpf
gespritzt worden war, zeigten sich Blasen, die wie eine Masern-Röteln-Windpocken-Kombination
das komplette Unterwasserschiff übersäten. Wenn unsere
Marie Hände gehabt hätte - sie hätte sich blutig
gekratzt. Zwar war vor dem Kauf das Schiff schon einmal gekrant
worden, um den Rumpf genau auf diese Krankheit hin zu begutachten, aber von einer deratig
ausufernden Epidemie war damals nichts zu erkennen gewesen. Bei Osmose dringt
- vereinfacht gesagt - Wasser in den Rumpf ein, verbindet
sich dort mit Lösungsmitteln zu einer Säure und bildet
jene hässlichen Blasen, die irgendwann einmal das ganze Laminat zerstören können.
Die nun erforderliche Rumpfsanierung erhöhte den finanziellen und vor
allem den zeitlichen Aufwand neben allen anderen geplanten Reparaturarbeiten
ganz erheblich - zumal wir weder die überaus nützlichen
Berufe eines
Bootsbauers, KFZ-Mechanikers, Elektrikers oder Schreiners erlernt
hatten, deren Kenntnisse und Fertigkeiten eigentlich unabdingbar
für die anstehenden Sanierungsarbeiten gewesen wären. Unabdingbar nicht nur, um die Ergebnisse unserer Leistungen nicht
wie die Abschlussarbeiten des Seniorenbastelkurses aussehen zu lassen,
sondern die Fachkenntisse hätten uns auch das Treffen vieler
Entscheidungen erleichtert. Woher soll man schon wissen, ob's Sikkaflex
sein muss oder ein ähnliches Produkt genauso gut abdichtet?
Welches Antifouling soll man kaufen, und muss man das Unterwasserschiff
mit der sehr giftigen oder mit der ganz giftigen Farbe anstreichen? Wie
viele Schichten?
Welche Reihenfolge? Fragen über Fragen und jeder Gefragte gibt
fraglos eine fragwürdige Antwort. Aber man gewöhnt
sich daran und der Wissensschatz wächst schnell an - außerdem
ist es eine wirklich gute Übung für Beruf und Leben: Souveränes Entscheiden bei maximaler Ahnungslosigkeit. Hier nun der Reihe nach unsere wichtigsten Baustellen: Rumpf: Da gab es den erwähnten Osmosebefall, wobei gut möglich ist, dass ein Teil der Blasen auch durch Verarbeitungsfehler bei der Herstellung entstanden ist und auf diese Weise der Prozess beschleunigt oder gar erst in Gang gesetzt wurde. Konsequenterweise musste das gesamte Unterwasserschiff von alten Anstrichen und defekten Gelcoatschichten befreit werden. Der Werftchef schlug uns Sandstrahlen vor und erledigte diese Arbeit nach längerer Zeit und häufigem Drängen unserseits dann auch, so dass der Rumpf mehr als 6 Monate Zeit hatte, anschließend auszutrocknen. Nun begann der kosten- , kraft- und zeitaufwändige Wiederaufbau: Nach mehrmaligem Waschen wurden - beraten durch die Firma International - zunächst zwei Schichten reines Epoxy (Epiglass) aufgetragen. Nach dem Anschleifen folgte das Auftragen von fünf Schichten Epoxy (Gelshield). Den Abschluss bildeten drei Schichten Antifouling (Micron Extra). Dieser Schutz reicht hoffentlich für die nächsten Jahre, denn so lange wird es mindestens dauern, bis unsere Lungenbläschen wieder aufnahmefähig sind für die nächste Ladung Dämpfe aus den Farbtöpfen mit dem blätterlosen Baum und dem toten Fisch auf dem Etikett. Edelstahlruder und Propeller haben wir versuchsweise mit Melkfett bestrichen und sind nun gespannt auf das nächste Kranen.
Cockpit: Nach dem Ausbau der Ruderanlage und des Travellers hat sich die Fahrgast-Nasszelle von A- auf C-Klasse vergrößert; überholt wurden lediglich die Backskistenverkleidung, der Cockpitboden aus Holz (Grätings) und der Niedergang. Unter Deck: Anfangs träumten wir noch von einigen wenigen Verschönerungs- und Verbesserungsreparaturen, beispielsweise:
Im Zuge dieser Arbeiten erwachten wir jedoch in immer neuen Baustellen: Bilge: Nach ein paar Wochen an Land schickte sich unsere Marie an, "hoch und trocken" abzusaufen - die Bilge stand bis knapp unter die Bodenbretter voll Wasser. Nach langer Lecksuche wurde klar, dass stehendes Regenwasser im Bugbereich des Decks durch ungenügend abgedichtete Beschläge (u.a. für die Ankerkette) ins Schiffsinnere dringen konnte. Das bedeutete: Alle Beschläge mussten abmontiert und neu abgedichtet werden. Hierauf wurde der komplette Boden inklusive Bodenwrangen, Tanks, Schläuchen und weiteren Bilge-Inhalten demontiert und die Bilge trockengelegt. Gleiche musste gereinigt und abgeschliffen, zum Teil überlaminiert und neu gestrichen werden. Noch eben schnell die Tanks, Schläuche und Kabel wieder installiert und schon war der neue Keller fertig. ;-)
Elektrik: Hinter der Verkleidung am Navi zeigte sich ein Bild des Grauens: Ein Kabelgewirr in den kühnsten Verästelungen wucherte in alle Richtungen, und Kabelstränge ohne Bezeichnung wechselten auf dem Weg zu den Verbrauchern mehrfach die Farbe oder endeten einfach im Nichts. Auf mysteriöse Art und Weise kam der Strom zwar trotzdem dort an, wo er hingehörte, eine Fehlersuche oder nachträgliche Ergänzung des Bordnetzes war jedoch unmöglich. Es blieb nichts übrig als den Dschungel zu roden. Bei der Wiederaufforstung nahmen wir professionelle Hilfe in Anspruch, da das Gebiet der Elektrik bisher für uns so unerforscht wie die Tiefen des Amazonas war. Ausgehend von Motor und Batterien wurden neue Kabel gezogen und eine möglichst simple Installation aller Verbraucher durchgeführt. Für diese Arbeiten opferten wir viele Stunden eines gemeinsamen Familienlebens, denn nicht nur das Abbauen aller Verkleidungen, sondern auch alle Bewegungen an äußerst unzugänglichen Stellen erforderte ein hohes Maß an Zeit. Doch wir sind nicht traurig darüber, denn die Verkabelung sieht jetzt so übersichtlich aus wie eine in Reih und Glied angelegte Baumschule, sauber beschriftet und idiotenicher. Sie dürfte durch das Fehlen elektronischer Bauteile auch relativ wenig störanfällig sein. Für den Seniorenbastelkurs hätten wir jetzt eine Umzugskiste voll Kabel in unterschiedlichen Längen, Dicken und Farben übrig ;-)
Maschine: Nach Auskunft des Voreigners war der 30 Jahre alte Volvo Penta MD6B nur sehr wenig gelaufen (etwa 200 Betriebsstunden bis dato) und regelmäßig gepflegt worden. Dieser Eindruck bestätigte sich tatsächlich bei der Prüfung durch einen befreundeten KFZ-Mechaniker. So wurde hier lediglich die Zylinderkopfdichtung erneuert, der Kopf gereinigt und die Ventile neu eingestellt. Es war beruhigend, den Motor in einem guten Zustand zu wissen. Für eine nähere Bekanntmachung mit seinem Innenleben hatten wir in der Folge (Über Flüsse und Kanäle ans Mittelmeer) noch ausreichend Gelegenheit. Deck: Neben den bereits erwähnten Abdichtungsarbeiten, gab es hier - im Vergleich zu anderen Arbeiten - nur relative kleine Baustellen:
Derweil türmten sich zuhause die Päckchen und Pakete zu Dutzenden; hier nur ein kleiner Auszug dessen, was wir - teils gebraucht, teils neu - bestellt haben:
Alle Arbeiten wurden zunächst (im Winter) nur an den Wochenenden realisiert. Mit steigenden Außentemperaturen im Frühjahr mussten die Feierabende zunehmend in Mitleidenschaft gezogen werden. Im Mai und Juni fuhr Thorsten fast jeden Abend nach der Arbeit noch auf die Werft, und zusätzlich wurden die Schiffsreparaturen an den Wochenenden nun auch auf die Sonntage ausgedehnt, nachdem wir uns zunächst den Luxus vorbehalten hatten, an Wochenenden nur samstags am Schiff zu arbeiten und sonntags dem Familienleben zu frönen. Insgesamt überstieg das Maß an Arbeit und Zeit bei weitem unsere anfänglichen Vorstellungen, obwohl wir in der Vorbereitung durchaus nicht blauäugig an die ganze Sache herangegangen waren. Im Gegenteil: Wir hatten uns gut informiert und von Erfahrungsberichten anderer profitiert. Wir haben eine harte Zeit, gekennzeichnet von Verzicht und gelegentlich bitteren Rückschlägen, hinter uns, aber wir beklagen uns nicht, weil wir hoffen, dass sich der Aufwand gelohnt hat. Und die intensive Arbeit an unserer Marie hat den Vorteil, dass wir jetzt einen Großteil ihres Innenlebens und ihrer Funktionsweise richtig gut kennen. Sie sieht viel hübscher aus als früher, obwohl sie bestimmt noch nie eine Schönheit war, und wir sind sicher, dass sie brav ihren Dienst tun wird, jetzt, da so viele entscheidende Dinge optimiert wurden. Wir wissen aber auch, dass es immer wieder etwas zu verbessern gibt, und so sind die Werkzeugkoffer jederzeit mit einem Handgriff erreichbar! |
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