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10/05 - 11/05 |
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Wiederum ein paar Wochen später geht es nun richtig los: die Wohnung ist ausgeräumt, die letzten schweren Abschiede sind vollzogen. Vor uns liegt mehr als ein Jahr Zeit. Aber uns ist gar nicht besonders blümerant zumute. Erfoglos suchen wir nach irgendwelchen euphorischen Gefühlen - doch wir spüren weder ein Zweifeln noch überschwängliche Freude. Es ist jetzt einfach an der Zeit, loszuziehen. Und losgezogen sind wir nun, sogar einen Tag früher als geplant: Die Franzosen wollen am geplanten Abreisetag, dem 4. Oktober, streiken. Dann fahren wir halt am Tag der Deutschen Einheit! Die Zugfahrt ist anstrengend - nach vierzehn Stunden kommen wir - jetzt doch ein wenig aufgeregt - bei unserem Schiffchen an. Marie schwimmt zum Glück noch, trotz Windstärken von 8 Bft und mehr, die uns auch an den kommenden zwei Tagen noch im Hafen halten. Wind, Kälte und Regen, das hätten wir auch in Deutschland haben können... Die Fotos von Canet beweisen, dass man hier nicht ewig bleiben muss. Bereits bei unserer Ankunft Ende August hat man hier begonnen, die Bürgersteige hochzuklappen.
Der Morgen startet unangenehm: das Klo ist verstopft - noch vor dem Frühstück beginnt Thorsten mit der Bastelei. Nach einer Stunde und etlichen Flüchen geht die Schüssel wieder einigermaßen - nur das Rauspumpen ist nicht mehr so richtig effektiv - Fortsetzung folgt... Dann geht es verspätet los in einen wunderbaren Morgen mit klarem Himmel und glattem Meer. Das bedeutet leider auch, dass heute unser Brummel für die Fortbewegung zuständig ist. Wir passieren die wilde Küste, an der Dalí gelebt und gearbeitet hat und schaffen es bei zunehmendem Wind gegenan in den noblen Yachtclub von l'Estartit. Die etwas höhere Liegegebühr von 23.- halten wir zu diesem Zeitpunkt noch für einen Ausreißer - leider ist dem nicht so, sondern es wird zur Regel, dass wir jeden Abend 25.- und mehr abdrücken - für die Nachsaison ganz schön happig finden wir. Und unsere Bordkasse auch. Motiviert fahren wir am nächsten Tag nach einigen erfolgreichen Optimierungsversuchen an der Bordtoilette bei Flaute los, ziehen bei dem ersten Hauch die Segel hoch und: Beim nächsten Cap gibt's den Wind direkt auf die Nase. 5 Bft und die dazugehörigen kleinen und kurzen Wellen machen das Fahren nicht sehr angenehm. Entnervt geben wir schon kurz nach Mittag auf und nutzen den restlichen Tag für Reparaturen, Ölwechsel usw. Der Hafen ist grauselig, in der Nacht wummert die Disco nebenan und teuer ist es auch noch! Tags drauf motoren wir wieder, was der Brummel hergibt. Um wenigstens den Anschein zu wahren, ziehen wir wenigstens das Groß hoch - sieht irgendwie sportlicher aus. An uns vorbei ziehen die spanischen Bausünden Blanes, Lloret und so. Das ist nicht hübsch. Außerdem wird die Küste flach und langweilig. Dafür beschert uns die Sonne Badehosenwetter. Mataro ist nicht der Rede wert. So langsam kommen wir rein. Mit einem kleinen
Siegesgefühl laufen wir in den großen Hafen von Barcelona
ein. Ringsum riesige Passagier- und Frachtschiffe, im Club Nautico
dagegen Privatschiffe etwa gleichen Wertes. Thorsten zeigt auf einen
dreißig Meter langen Zweimaster an unserem Nachbarsteg und
verspricht ihn mir zum Geburtstag. Barcelona muss eine attraktive
Stadt für Millionäre sein. Unsere Marie liegt eingeklemmt
zwischen den teuren Pötten und sieht fast wie ein Papierschiffchen
aus. Wir lieben ihre Enge trotzdem.
Die nächsten Tage (Commaruga, Calafat, St. Carlos de la Rapita) vergehen ohne besondere Vorkommnisse. Es regnet oft und zum Teil in Strömen, so dass sich die Sicht drastisch verschlechtert, aber die Temperaturen bleiben angenehm - T-Shirt-Wetter. Jeden Abend gibt's gekühlte Getränke, denn die Segel können wir meist nur für eine halbe Stunde rausziehen, die Maschine tut weiterhin ihren Dienst, treibt Welle und Kühlschrank an. Wir sind ein bisschen mitgenommen von unserem arbeitsintensivem Tagesablauf und brauchen eine Pause. Da trifft es sich ganz gut, dass Christiane vom Großen Rotz heimgesucht wird und sich schon allein deswegen eine Pause in St. Carlos de la Rapita empfiehlt. Die folgenden Tage werden sonniger und wir machen abends in Oropesa, Farnals und Cullera fest. Die Tage ähneln sich alle sehr, sind geprägt vom immer gleichen Tagesablauf. Um einen kleinen Einblick in unseren Alltag zu geben, haben wir in einem kleinen Bericht schonungslos die heißesten Details offenbart - so weit ist bisher noch keiner gegangen: 24 Stunden Fahrtensegeln. Moritz findet das prima und entdeckt jeden Tag etwas neues. Gerade hat er gelernt, dass man prima schaukeln kann, wenn man sich mit den Händen in die Öffnung der Kabinenluke hängt und die Beine anzieht.
Wir sind alle
recht entspannt und wundern uns nur noch über die Beharrlichkeit,
mit der die Spanier auch noch ihre schönsten Küstenabschnitte
mit atemberaubend grauenvollen Betonburgen zuklatschen. Man könnte
meinen, in einer endlosen Plattenbausiedlung des sozialistischen
Realismus angekommen zu sein. Brrrr.
Es wird jetzt zunehmend wärmer - dafür gibt's den Wind nur noch direkt von vorne... Wir haben die Schnauze definitiv voll: Im nächsten geeigneten Hafen werden wir mit einer Flex das Deck aufräumen und den Mast umlegen. Die beiden Kabinen werden wir zugunsten eines größeren Maschinenraums opfern. Da kommen zwei Achtzylinder-Diesel rein, dass es nur so wummert! Küche und so braucht man auch nicht - aber einen 4000 Liter-Tank. Damit fahren wir dann mal eben um's Eck nach New York oder so zum Brötchenholen! Über die Umbaumaßnahmen werden wir Euch hier auf dem Laufenden halten. Bis dahin sprotzeln wir noch mit unserem 10-PS-Geknatter von Cap zu Cap, da sind ab und zu auch mal 6 kn drin! Für die Ungeübten: Das sind etwa 10 km/h - da kriegt unsereins schon einen Geschwindigkeitsrausch. Gestern (21.10.) sind wir um Cabo Palos getuckert und mit Müh und Not in dem gleichnamigen Hafen untergekommen. In der Nacht davor haben wir das erste Mal im Hafen von Torrevieja geankert. Mit alles und extra schaf: Dinghi aufpumpen, Außenborder runter, in den Hafen fahren und klatssnass (findet Moritz) zurückkommen. Am nächsten Tag dann alles wieder rückwärts. Aber schee war's trotzdem - kommt ja bald häufiger! Heute ist es Cartagena - kommt im Handbuch schlecht weg, ist aber eine ganz tolle und ursprüngliche Stadt. Damit rückt Gibraltar in greifbare Nähe: Noch etwa 260 sm trennen uns von dem Atlantik - wenn alles glatt läuft, sind wir in einer Woche da. Vorausgesetzt natürlich, der nicht zu schwache Westwind dreht Richtung Ost. Das hat man uns für Montag fest versprochen. Schaumermal. Bilder von alledem und von den grausligen Zuständen an Bord kommen hier:
Und wie das eben so ist, mit Planungen: Es kam mal wieder alles ganz anders. Nachdem sich das tapfere Motorschiff Marie Brizard noch die hafenarme Küste südwestlich von Cartagena entlanggearbeitet hat, liegen wir jetzt in Almerimar. Wegen ein paar Basteleien und um mal eine Auszeit zu nehmen, wollten wir hier zwei Tage bleiben. Die sind jetzt (27.10.) auch um, aber unser erster möglicher Abfahrtstermin ist Dienstag kommender Woche. Unser Maschinchen hat schon eine ganze Weile Diesel und Wasser getröpfelt, aber gottseidank haben wir Windeln für zwei inkontinente Crewmitglieder an Bord, für Moritz' Babypopo und für die Motorbilge der Marie. Zunächst hatten wir die lecke Einspritzpumpe mit der alten Seglerweisheit "Nichts reparieren, was nicht mindestens 24 Stunden kaputt ist" beobachtet und gedacht, dass der Volvo Penta ja auch schon ein recht alter Herr ist. Um weitere Schäden zu verhindern, werden wir jetzt aber doch aktiv: Die Wasserpumpe bekommt einen neuen Dichtungssatz und die tröpfelnde Einspritzpumpe schaut sich (hoffentlich am Montag) ein Herr namens Diesel-John an. Der wurde uns von Spencer, dem großen Shipchandler (Baumarkt für Bootsbesitzer) und einem gewissen Workshop-John empfohlen. In unseren diversen Reparaturanleitungen wird explizit nicht auf dieses - wichtigste und teuerste - Bauteil eingegangen, mit dem Hinweis, dass hier Expertenwissen gefragt ist. Ham wer nich, also Finger weg! Die Stimmung kann uns das allerdings nicht vermiesen: Damit war irgendwann zu rechnen und einen besseren Platz für derlei Gefrickel als Almerimar gibt es nicht. Das konnte uns auch schon Adi (Thorstens Daddy), aus eigener leidvoller Erfahrung berichten: Er hat hier vor einigen Jahren wochenlang an seinem Schiff gearbeitet. Hier gibt es einfach alles, was das Seglerherz höher schlagen lässt: Shipchandler aller Art, Waschsalon ums Eck, riesiger und billiger Supermarkt (zwei große Einkaufswagen für 165.-) usw. Und alles fest in englischer Hand. Das gibt uns die Zeit, mal ein wenig zu entspannen - das ist nämlich bisher definitv zu kurz gekommen - und ein paar Arbeiten zu erledigen, die nur Prio zwei und drei haben... Außerdem muss der begonnene Umbau zum Speedboat ja noch vorangetrieben werden ;-)
Pustekuchen - Entspannen - von wegen! Wir sind sowas von fleißig gewesen, sogar am Sonntag und an Allerheiligen haben wir gerackert. Mit Erfolg: Unsere To Do-Liste ist so gut wie leer... Hier ein kleiner Auszug: Ventilspiel am Motor eingestellt; Ölwechsel; Dieselpumpe gereingt; Wasserpumpe mit neuem Dichtungssatz versehen; sämtliches Holz an Deck neu lackiert (inklusive Scheuerleiste); Wanten gespannt; Segelschutz an Salinge und Wanten montiert; Selbststeuerung endlich fertig montiert; neue Reffbändsel und Reffleinen ins Großsegel; Waschbecken im Klo entfernt und stattdessen eine klappbare Verkleidung eingebaut; Luk im Klo verkleidet; Ankerkette mit Markierungen versehen; Großputz an und unter Deck; Bilge gereinigt; Deck und Rumpf gereinigt und gewachst; Spülbecken in der Pantry trockengelegt und Holz neu lackiert; Backskisten und Stauräume optimiert und zu guter Letzt: Die Einspritzpumpe unserer Maschine wurde ausgebaut und von Diesel-John fachmännisch überholt - so wurden aus geplanten zwei Tagen dann eben elf!
Almerimar:
Noch 130 Seemeilen bis Gibraltar. Es ist Freitag, und für Mittwoch
nächster Woche hat sich Adi angekündigt, abzuholen in
Cadiz. Da müssen wir ein wenig ranklotzen, und zwar mit etwa
36 Stunden nonstop zumindest bis Gibraltar. Wir opfern Rasmus einen
Viertel Rosé - Prost Alterchen! - und der zeigt sich darauf
so angeschickert, dass er Ost und West verwechselt und uns den schönsten
Ostwind mit vier Beaufort schickt. Samstag, 10 Uhr, Zeit zum Auslaufen!
Wir winken unseren neuen Bekannten von der Kipenzi und
der Alegria zu und lassen das Retortendorf achteraus. Rasmus
muss ab dem frühen Nachmittag seinen Rausch ausschlafen und
nimmt den Wind mit in sein Bettchen, also tut unser frisch gewarteter Brummel wieder seinen gewohnten
Dienst. Die Einspritzpumpe hat zu ihrem kontinenten Zustand zurück
gefunden und Moritz muss der Bilge nun keine Windeln mehr opfern.
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