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Es
ist Anfang August, der Urlaub ist längst vorbei, und unsere
gelbe Dicke schwimmt noch immer auf der Saône, etwa 120 km
vor Lyon. Wir haben 960 km auf dem Weg von Germersheim Richtung
Mittelmeer geschafft, insgesamt sind es an die 1300 km. Interessanter
ist jedoch die Tatsache, dass wir 154mal geschleust sind; es fehlen
noch 7 Schleusen, bis wir die französischen Binnengewässer
verlassen können. Zeitraubend ist vor allem die Wartezeit an
den Schleusen, nicht die Fahrtzeit an sich. Allein auf dem Canal
de l'Est (oder Canal des Vosges) muss man 92mal in die
Kammer, deren Tore recht oft noch durch klassisches Kurbeln, ganz
ohne Automatik, zu bedienen sind. Das bedarf natürlich einiges
an Zeit.
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Unterwegs
auf dem Rhein
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Durchfahrt
Mannheim
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Romantisches
Rheintal
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Endlich
Deutsches Eck
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Die
Fahrt auf dem Rhein empfanden wir alle als die anstrengendste, da
sich Crew und Schiff erst noch aneinander gewöhnen mussten.
Uns saß die ständige Angst vor einem Maschinenausfall
im Nacken, denn der Rhein fließt sehr schnell und das Verkehrsaufkommen
von Berufsschiffen ist sehr groß. Doch alles lief beinahe
ohne Zwischenfall, und mit Erleichterung konnten wir nach zwei Tagen
links abbiegen, um das Deutsche Eck herum und gleich in die erste
Mosel-Schleuse. Unsere Marie hätte keinen Zentimeter
mehr um die Hüften haben dürfen, ansonsten hätten
wir mit der Berufsschifffahrt schleusen müssen, da die Bootsschleusen
nur 3,40m breit sind. Unser Schiff misst 3,10m in der Breite, plus
Fender - jedes Mal Millimeterarbeit. Uns gefiel die Mosel viel besser
als der Rhein, da ihre Flussufer lieblicher und beschaulicher wirken.
Wir hätten uns aber mit einem oder mit zwei Tagen begnügt,
danach wird's schnell langweilig, wenn man vorankommen muss. Das
weinträchtige Flüsschen windet sich mit endlosen Flusskilometern
auf geringer Strecke durch das Land, und so konnten wir erst nach
sieben Tagen Nancy achteraus lassen.
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Abendstimmung
auf der Mosel
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Moselschleuse
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Wildwasserfahren
in der Schleuse
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Marie
in der Schleuse
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Einige
Kilometer südlich von Nancy beginnt der Canal de l'Est. An
der Ecluse Nr. 46, der allerersten Schleuse im Kanal, wunderschön
im Grünen gelegen, mussten wir vier Tage aufgrund einer Motorpanne
bleiben. Das Übel lag letztendlich im Detail: Nach dem Anziehen
der Zylinderkopfschrauben wollte der Motor nicht mehr richtig laufen.
Er ließ sich zwar noch starten, doch das ersehnte Zweizylinder-Genagel
erstarb jedes Mal nach wenigen Sekunden. Außer Thorsten wunderten
sich mehrere fachkundige Menschen über das Problem, wirklich
helfen konnte nach vier Tagen Bastelei aber nur ein Volvo-Mechaniker,
der sonst als mobiler Reparaturdienst für LKWs unterwegs ist.
Sollten wir lachen oder weinen? Dem Motor fehlte wirklich nichts
weiter als die vollständige Schließung des Dekompressionshebels,
nachdem das Ventilspiel eingestellt worden war. Dieser Hebel ließ
sich zugegebenermaßen so schwer bewegen, dass er das Gefühl
einer vollständigen Schließung schon vermittelte, als
noch ein millimeterweiter Spalt offen stand. Deshalb konnte der
Motor den Diesel nicht richtig komprimieren. Wir lachten. Das war
sowieso eine unserer wichtigsten Übungen während dieser
Zeit. Wir lernten unsere Lektionen gründlich, beispielsweise
jene über die Redundanz langfristigen Planens, aber auch Lektionen
zum Thema Motorenkunde, Konfliktmanagement und Kinderheilkunde.
Unser Söhnchen dekomprimierte nämlich seinen Magen- und
Darminhalt während dieser Tage, selbstverständlich in
Verbindung mit Fieber, so dass auch aus diesem Grund eine Weiterfahrt
unmöglich gewesen wäre.
Viele
Franzosen, die von unserer misslichen Lage hörten, unterstützten
uns ganz selbstlos und unkompliziert. Zum Beispiel stellten uns
die Schleusenwärter die Dusche in ihrem Arbeitshäuschen
zur Verfügung, damit wir Kinderkleider, Bettwäsche, Handtücher
und Decken waschen konnten, die wegen Moritz' Krankheit einen erbärmlichen
Gestank ausdünsteten. Sie versorgten uns mit Telefonnummern
ortsansässiger Mechaniker und boten uns Medikamente an, die
wir jedoch gottseidank nicht in Anspruch nehmen mussten.
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Christiane
und kranker Moritz
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Liegeplatz
für vier Tage
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Zum x-ten
Mal Ventile einstellen
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Wenn
wir gefragt werden, ob unser Moses das Bootfahren gut vertragen
hat, dann geben wir nach bestem Wissen und Gewissen eine positive
Antwort. Man könnte glauben, ein Segelboot sei kein Kleinkindparadies,
aber Moritz entdeckte jeden Tag etwas neues. Zum Beispiel lernte
er ganz schnell Klettern, als er unbedingt aus dem Salon ins Cockpit
wollte; er fand tausend Winkel im Schiffsinnern, um kleine Spielzeugteile
zu versenken, er lernte, wie man sich bewegen muss, um sich nicht
ständig den Kopf am Salontisch anzustoßen, und nach den
unfreiwilligen Liegetagen schaute er oft neugierig im Motorraum
nach, ob da sein Papa zu finden wäre. An jeder Schleuse sammelten
wir ihm kleine Steinchen ein, die er mit dem größten
Interesse einzeln auf die Reise in den Kanalschlick schickte. Dort
verschwanden allerdings auch zwei Schnuller und zwei Spielzeugautos,
was er jedoch mit Gelassenheit zur Kenntnis nahm. Von der Schleuserei
abgesehen, hatten wir viel Zeit für unser Kind, und es dankte
uns mit guter Laune und Ausgeglichenheit. Wir glauben, dass Moritz'
motorische Entwicklung in dieser Zeit einen beachtlichen Schub gemacht
hat.
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Die ungeliebte
Rettungsweste
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Moritz
entdeckt sein neues Zuhause
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Unterstützung
beim Schleusen
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Unterwegs
an Deck
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Winsch
mit Aussicht
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Navigation
leicht gemacht
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Pennen
auf dem Salonboden
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...und
im Cockpit
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In
unseren zwei Urlaubswochen schafften wir es bis Corre, einem kleinen
Örtchen am Ausgang des Vogesenkanals, Zentrum der "Resistance"
im Zweiten Weltkrieg. Dessen neugebaute Marina beherbergte die Marie
Brizard völlig unproblematisch.
In
den beiden darauffolgenden Wochenenden brachten wir unser Schiff
noch einmal auf die Strecke, einmal bis Gray, dann etwa bis Chalon
sur Saône. Dort liegt es im Moment hoffentlich sicher, hoffentlich
nicht auf Grund. Ende August haben wir noch einmal zwei Wochen Urlaub,
um die Reise ans Meer fortzusetzen, und wir rechnen auch ein bisschen
damit, noch ein paar SEE-Meilen zu machen auf dem Weg Richtung Spanien.
Aber wir planen vorerst nicht zu fest..
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Ende
des canal de l'est
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Kanallandschaften
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Auf der
Saone
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Morgennebel
auf der Saone
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Ein paar Wochen
später fanden wir unsere kleine Dicke wohlbehalten wieder.
Das war wirklich ein nettes Plätzchen: Die stillgelegte Schleuse
von Gigny, nahe Chalon sur Saône. Der deutsche
Besitzer oder Pächter dieses winzigen "Hafenbeckens"
machte seinen Job ganz hervorragend. Zu unserer Beruhigung hatte
er uns versprochen, ab und zu ein Auge auf unser Schiff zu werfen
und uns telefonisch zu verständigen, falls etwas nicht in Ordnung
sein sollte, beispielsweise wenn ein stundenlanger Wasseraustritt
aus einem Loch im Heck zu beobachten sein würde (dann wäre
die automatische Bilgepumpe angesprungen, um das Schiffsinnere trocken
zu halten) oder wenn sich die herumstromernde Dorfjugend an unserem
Inventar vergriffen hätte. Nichts dergleichen war jedoch passiert
und wir enterten nach vier Wochen Abwesenheit unsere völlig
unversehrte Marie. Mittlerweile wieder ein bisschen schlauer, nahmen
wir uns den ersten
Tag nur zum Ankommen und Reparieren frei. Am Nachmittag funktionierte
die Klopumpe wieder, was uns sehr erleichterte, denn das Klo ist
sicher eine der wichtigsten
Einrichtungen an Bord. Übergangsweise kann man sein Geschäft
auch in die Pütz, d.h. in einen Eimer erledigen, aber die muss
man ja immer außenbords ausspülen, auch wenn was Dickes
drin ist. Die Privatsphäre müsste dann zwangsläufig
leiden. Die Wasserversorgung der Spüle wurde
am gleichen Vormittag auf
Fußbetrieb umgestellt, das Luk in einer der Kabinen abgedichtet,
die Klamotten verstaut und noch einige Dinge getan, die eben so
anfallen, wenn man auf einem Schiff lebt.
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Lyon
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Irgendwo
auf der Rhone
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Tournon
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Die folgenden
Tage auf dem Weg Richtung Süden waren unspektakulär -
Bordalltag, aber entspannter als bisher: wir gönnten uns gelegentliches Ausschlafen,
soweit man eine Schlafdauer bis halb acht Uhr morgens als Ausschlafen bezeichnen kann.
Nun ja, wir sind Eltern eines aufgeweckten Kleinkindes und grämen
uns nicht weiter. Das Wetter blieb oft trüb und regnerisch,
untypisch für diese Breiten im August. Wir froren oft und tranken
statt eisgekühlten Rosés ayurvedische Kräutertees.
Uns gefiel Lyon, wasserseitig, sehr gut. Unsere schönste Erinnerung
jedoch ist die dort beginnende Bekanntschaft mit Elin, Sven und
Oskar aus Schweden.
Kaum hatten wir nämlich unser eigenes Schiff an der Pier festgemacht,
führte uns unser untrüglicher Elterninstinkt an ein kleines
Schiffchen, neben dem ein Kinderwagen auf der Kaimauer stand. Das
sieht man nicht so oft in der Seglergemeinde. Auf der sieben Meter
langen Mar wohnten die drei Schweden seit mehr als zwei Monaten und
waren in dieser Zeit immerhin von Göteborg bis ins tiefste
Frankreich gekommen. Wir hatten abends ausgiebig Gelegenheit,
uns mit Sven zu unterhalten; am nächsten Tag auch mit seiner
Frau Elin, und Moritz hatte mit Oskar selbstverständlich auch
ein paar wichtige Themen zu besprechen, siehe Bild. Da wir die gleiche
Strecke zurücklegen wollten, trafen wir uns drei Abende lang
zum Anlegen, zuletzt in Avignon, wo die Schweden noch ein paar
Tage länger bleiben wollten. Und obwohl wir uns nur drei Tage
lang kannten, waren wir alle recht traurig über unseren Abschied.
Diese Bekanntschaft hatte uns die ständige Isolation, die uns
auf dem Schiff umgibt, ein wenig versüßt.
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Avignon
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Sur
le pont...
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Moritz
mit Oskar
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Die Schleusen
der Rhone beeindruckten uns zunehmend, denn wir waren noch einen
durchschnittlichen Hub von 6 Metern auf der Saône gewohnt.
Die größte aller Rhone-Schleusen, die
Ecluse de Bollene, wartete mit einem Hub von 23 Metern
auf. Geradezu gigantisch
erschienen uns die Ausmaße der Schleusenwände, höher
als ein mehrstöckiges Mietshaus. Und unser winziges Schiffchen
lag ganz allein in der über zweihundert Meter langen Schleusenkammer.
Schade, schon nach zehn Minuten war das imposante Schauspiel vorbei,
die Kammer geleert und das gigantische untere Schleusentor geöffnet.
Unsere allerletzte Schleuse auf dem Weg zum Meer, für uns Schleuse
Nummer 171, hatte nur noch lächerliche zwanzig Zentimer Hub.
Nach Avigon nahmen wir nicht den direkten Weg Richtung Süden,
sondern bogen zunächst rechts in die Petit Rhone ab, um in
den Canal du Rhone a Sete zu kommen. Das erste Mal offenen Horizont
nach etwa vier Wochen Fahrt auf Binnengewässern sahen wir am
27. August um 15.05 Uhr MESZ nahe Frontignan. Ein aufregender Moment
für uns! Die Bilanz: 200 Motorstunden (das entspricht in
etwa der Stundenanzahl, die der Motor in den 30 Jahren zuvor geleistet
hatte),
1470 Kilometer durch Binnenwasserstraßen und 171 Schleusen.
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Monsterschleuse
1
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Monsterschleuse
2
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boring
boring boring - Canal du Rhone à Sète
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